Erblich bedingte Hauterkrankungen

Erbliche Hauterkrankungen

Von Dr. Dr. h.c. Hans-Joachim Koch, Tierärztliche Klinik Birkenfeld

Einige Hunderassen scheinen zunehmend mehr an bestimmten Hauterkrankungen zu leiden. Wahrscheinlich entsteht dieser Eindruck in erster Linie dadurch, daß dermatologische Erkrankungen heute besser diagnostiziert werden können als noch vor wenigen Jahren.

Andererseits gibt es auch Beispiele dafür, daß die Häufung bestimmter Erkrankungen auf Fehler in der Zucht zurückzuführen sind. So soll es keinen Cocker-Spaniel mehr aus dänischer Zucht geben, der im Laufe seines Lebens nicht an einer Ohrenentzündung (Otitis externa) erkrankt.

Viele Hauterkrankungen mit hinweisen auf eine erbliche Ursache zeigen sich erst aufgrund negativer Umwelteinflüsse. Zu solchen Erkrankungen gehören Allergien, die lokale Form der Demodikose und sogenannte zink-reaktive Dermatosen.

Je nach Rasse kommt es bei gleichen klinischen Krankheitsbildern zu unterschiedlicher genetischer Penetranz. Beispiele hierfür sind die Demodikosen, die Talgdrüsenadenitis und die systemische Histiozytose.

Auch bei eindeutig genetisch bedingten Erkrankungen sollten züchterische Entscheidungen immer unter Prüfung ihrer Bedeutung sowohl für die Zuchtlinie bzw. Rasse als auch das Einzeltier getroffen werden. Mögliche Kriterien zur Behandlung sind:

1. Wie schwer ist die Erkrankung? (Schmerzen und Leiden sowie Lebenserwartung und –qualität beim Einzeltier).

2. Wie häufig ist die Erkrankung? (Häufigkeit im Verhältnis zur Gesamtpopulation der Rasse).

3. Lässt sich die Erkrankung gut behandeln (Therapiesicherheit unter Berücksichtigung des Aufwandes und potentieller Nebenwirkungen).

4. Wie stark belastet die Erkrankung den Tierhalter und/oder den Züchter?

Trotz deutlicher Hinweise, wie beispielsweise eine eindeutige Rassenprädisposition, ist die Erblichkeit vieler Hauterkrankungen oft nicht nachgewiesen. Bei den folgenden Hauterkrankungen wurde eine genetische Ursache festgestellt oder ist zumindest sehr wahrscheinlich.

Idiopathische Seborrhoe
Besonders betroffene Rassen: Cocker Spaniel, West Highland White-Terrier (WHWT).
Erbmodus: vermutlich autosomal rezessiv.
Klinisches Bild: ölige Schuppenbildung Juckreiz, Otitis externa, digitale Hyperkeratose; Neigung zu Sekundärinfektionen (Bakterien, Hefepilzen).
Häufigkeit: bei Cocker Spaniels in Deutschland vermutlich viel seltener als in anderen Ländern.
Diagnose: Alter (1-3 Jahre), Rasse, Vorbericht, klinisches Bild, Hautbiopsie.
Therapie: Symptomatisch, evtl. Retinoide, Vit.D-Analoge (evtl. Kortikoide).
Prognose: Mittlerweile meist relativ gut kontrollierbar.

Epidermale Dysplasie – „Armadillo Westie Syndrome“
Besonders betroffene Rassen: WHW-Terrier.
Erbmodus: vermutlich autosomal rezessiv.
Klinisches Bild: starker Juckreiz v.a. Achseln, Bauch Gliedmaßen, auch Kopf, Hals etc., Haarverlust, chronische Hautveränderungen wie Verdickung der Haut bis zur Faltenbildung, Pigmentierung, teilweise erhebliche Geruchsbildung, Neigung zu Sekundärinfektionen.
Häufigkeit: nach eigener Erfahrung häufig bis sehr häufig.
Diagnose: Alter (6-12 Monate), Rasse, Vorbericht, klinisches Bild, Ausschluss von Differentialdiagnosen, Hautbiopsie.
Therapie: symptomatische Behandlung, v.a. gegen die Hautbesiedelung mit Bakterien (S. intermedius) und Malassezien
Prognose: bei enger Zusammenarbeit zwischen Tierhalter und Tierarzt (Dermatologe) in den meisten Fällen gut kontrollierbar, nicht heilbar.

Dermoidsinus
Besonders betroffene Rasse(n): Rhodesian Ridgeback, auch Shih Tzu, Boxer, Engl. Bulldogge.
Erbmodus: vermutlich rezessiv.
Klinisches Bild: unterschiedlich tiefe Fisteln von der Haut ausgehend in Richtung Wirbelkanal, gefüllt mit Talg und Debris, unter Haarwirbeln.
Häufigkeit: selten bis sehr selten (erfolgreiche Zuchtprogramme beim Rhodesian Ridgeback).
Diagnose: Alter (Welpenalter), Rasse, Vorbericht, klinisches Bild (evtl. neurologische Symptome), Fistulogramm, Biopsie.
Prognose: je nach Tiefe, in der Regel gut.

Epidermolysis bullosa dystrophica
Besonders betroffene Rasse(n): Beauceron, Kromfohrländer.
Erbmodus: vermutlich autosomal rezessiv.
Klinisches Bild: Bullae -> Ulzera, auch an mukokotanen Übergängen und an Druckstellen (mit Ablösen der Epidermis von der Basalmembranzone) , hohe Neigung zu bakteriellen Sekundärinfektionen, Zahnschmelzdefekte, Kümmern.
Häufigkeit: sehr selten, jedoch häufig mehrere Welpen in einem Wurf betroffen.
Diagnose: Alter (Welpenalter), Rasse, Vorbericht, klinisches Bild, Biopsie .
Therapie: symptomatisch, Immunsuppresiva o.ä. rel. schlecht wirksam, Plasmapherese ?
Prognose: ungünstig

Talgdrüsenadenitis, Sebadenitis
Besonders betroffene Rasse(n): Viszla, Samojede, Akita, Pudel, diverse andere Rassen.
Erbmodus: vermutlich autosomal rezessiv (amerikanische Studie an Pudeln)
Klinisches Bild:
a) Kurzhaar-Rassen: mottenfraßähnliche Alopezie mit feiner Schuppenbildung und geringer bakterieller Sekundärinfektion v.a. an Kopf, Hals und Rumpf
b) Langhaar-Rassen: deutliche Verhornungsstörungen (i.d.R. Hyperkeratose), Hypotrichose, trockene Haare
Häufigkeit: wahrscheinlich viel häufiger in Deutschland als vermutet, zahlreiche Rassen betroffen, variable klinische Bilder lassen in der Regel eine Diagnose ohne Biopsie nicht zu, damit hohe Zahl wahrscheinlich.
Diagnose: Alter, evtl. Rasse, Vorbericht, klinisches Bild, Trichogramm, Biopsie.
Therapie: symptomatisch, Retinoide (Wirksamkeit je nach Rasse stark unterschiedlich), Humilac- Propylenglycol 1 x tgl. als Spray.
Prognose: relativ gut, mehr oder weniger gut kontrollierbar, Verlauf nicht vorhersehbar.

Farbmutanten-Alopezie
Besonders betroffene Rasse(n): Alle Rassen mit „verdünnten“ Fellfarben, d.h. grau, silber, isabellfarben….
„Klassisch“ bei Dobermann, Dackel, DD, Greyhound, Whippet, Chow-Chow
Erbmodus: Genaueres unbekannt, gesteuert von Farbgenen am D-Locus und evtl. anderen
Klinisches Bild: Hypotrichose, Schuppenbildung, Follikulitis v.a. im Rückenbereich, dann weitere Ausbreitung v.a. im Rumpfbereich.
Häufigkeit: relativ häufig bei den entsprechenden Farben (bis zu 93 % beim blauen und 75 % beim isabellfarbenen Dobermann), andere Rassen weniger, abnehmend auch mit dem Grad der Verdünnung bei jeweiliger Farbe (z. B: grau > blau).
Diagnose: Alter etwa ab Pubertät, Rasse, Vorbericht, Fellfarbe, klinisches Bild, mikroskopische Untersuchung von Haaren, Biopsie.
Therapie: symptomatisch, evtl. Retinoide (Etretinate)
Prognose: unterschiedlich gut kontrollierbar

Schäferhundpyodermie
Besonders betroffene Rasse(n): Schäferhunde und Schäferhundmischlinge
Erbmodus: vermutlich autosomal rezessiv
Klinisches Bild: Furunkel, Ulzera, v.a. an Rumpf, Bauch und Oberschenkel, besonders an Druckstellen, häufig generalisiert.
Häufigkeit: in Deutschland häufig
Diagnose: mittleres Lebensalter, Rasse, Vorbericht, klinisches Bild, Hautbiopsie
Therapie: Antibakterielle Langzeitbehandlung, evtl. Therapie mit Phosphodiesterasehemmer
Prognose: gut, fast regelmäßig Rezidive

Demodikose
Besonders betroffene Rasse(n): Bobtail, Collie, Afghane, DSH, Cocker, Dobermann, Dalmatiner, DD, Engl. Bulldogge, WHW und Boston Terrier, Dackel, Chihuahua, Boxer, Mops, Shar Pei , Beagle, Engl. Pointer.
Pododemikose bei: Neufundländer, Bobtail und Bernhardiner
Familiäre Häufung
Erbmodus: unbekannt, erworbene Erkrankungen und erbliche Erkrankungen bestehen nebeneinander.
Klinisches Bild: lokalisierte und generalisierte Formen, Haarausfall, schuppig-trockene und eitrige Formen (Sekundärinfektionen)
Häufigkeit: relativ häufig.
Diagnose: Alter, bis 18 Monate spontane Form, Rasse, Vorbericht, klinisches Bild, tiefes (!!) Hautgeschabsel, Hautbiopsie.
Therapie: Antiparasitäre Behandlung, Korrektur der Primärerkrankung/-Faktoren, falls möglich.
Prognose: sehr gut bei der lokalisierten Form, unterschiedlich bei den anderen Formen – heute jedoch so gut wie nicht mehr ‚unheilbar‘ (= unkontrollierbar). Korrekte Zuordnung der Demodikoseform ist unerlässlich für die Prognose und die Entscheidung, ob Nachzucht oder nicht!

Systemische Histiozytose
Besonders betroffene Rasse(n): v.a. Berner Sennenhund, auch Golden Retriever, Labrador, Rottweiler, Pudel, Boxer
Erbmodus: unbekannt
Klinisches Bild: Schuppen, Knötchen, Krusten und Geschwüre, Appetitlosigkeit, Gewichtsverlust, Atemgeräusche, andere Symptome entsprechend den beteiligten Organen (sehr unterschiedlich)
Häufigkeit: sporadisch (wahrscheinlich häufig nicht diagnostiziert)
Diagnose: Alter (i.d.R. 4-7 Jahre bzw. 2-8 Jahre), Rasse, Geschlecht, Vorbericht, klinisches Bild, Biopsie
Therapie: Symptomatisch, Immunmodulation mit Cyclosporin A, evtl. zusammen mit Prednison
Prognose: vorsichtig bis ungünstig

Acrodermatitis enteropathica (Zinktransportstörung)
Besonders betroffene Rasse: Bullterrier
Erbmodus: unbekannt
Klinisches Bild: ‚kümmern‘, Gewichtsverlust, Durchfall, bakterielle Infektionen (Haut, Lunge, Schleimhäute, Darm,….) Pigmentverlust, Hyperkeratose des Ballenhorns, Krusten und Geschwüre, Appetitlosigkeit, Aggressivität
Häufigkeit: selten, einige Jahre lang häufiger… ?
Diagnose: Alter (einige Wochen bis zu 6 Monaten), Rasse, Vorbericht, klinisches Bild
Therapie: Keine (vorübergehend antibakterielle Behandlung, Versuch der Zinksubstitution)
Prognose: früher Tod