Bandscheibenvorfall

Bandscheibenvorfall (Dackellähme)
Von Dr. vet. med. Franz Gutbrod

Dackellähme ist der populäre Ausdruck für Bandscheibenvorfall beim Hund, weil es meist Dackel betrifft, aber auch andere niedrige und extrem langrückige Hunde wie Basset Hounds.

Als treue Jagdfreunde und nette Hausgenossen haben wir die Dackel ins Herz geschlossen. Doch sie sind bedroht von einer heimtückischen und grausamen Erkrankung: Von der Dackellähme.

Die Dackellähme beginnt mit plötzlichen Schmerzen im Hals oder Rücken. Ehe man sich versieht, kann eine Lähmung eintreten.

Wie kann es zu so einer Erkrankung kommen? Dazu muss man wissen, wie die Wirbelsäule aufgebaut ist: Einzelne Wirbelkörper sind untereinander durch Bandscheiben verbunden. Eine Bandscheibe besteht aus einem bindegewebigen Ring und einem gallertigen Kern. Wird nun aufgrund einer Entwicklungsstörung Kalk in den gallertigen Kern eingelagert, so verliert die Bandscheibe die notwendige Elastizität. Es kommt dann bei niedrigen und langrückigen Hunden wie dem Teckel leicht zur Überbeanspruchung bei der Bewegung im Gelände oder beim Laufen über Treppen. Wie leicht kann dabei die Bandscheibe auf das direkt darüberliegende Rückenmark zuwandern!

In leichten Fällen, meist zu Beginn einer Bandscheibenerkrankung, wird der harte Kern in den bindegewebigen Ring gedrückt. Teile des Bandapparats bleiben noch erhalten. Reißen auch diese, schiebt sich Bandscheibenmaterial in den Wirbelkanal vor. In besonderen Fällen, wenn der Bindegewebsring bei maximaler Belastung reißt, wird der Bandscheibenkern schrotschußartig auf das Rückenmark katapultiert.

Je nachdem, wo der Bandscheibenvorfall stattfindet, sehen wir ein unterschiedliches Bild. Erkrankungen an der Halswirbelsäule sind sehr schmerzhaft. Allein eine Berührung läßt den Hund aufschreien. Jede Bewegung der Halswirbelsäule ist mit großen Qualen verbunden.

Liegt der Bandscheibenvorfall am Ende der Lendenwirbelsäule, können wir ein einseitiges Hinken beobachten, wobei Schmerzäußerungen nur durch seitlichen Druck auf die hintere Wirbelsäule ausgelöst werden können.

Am Übergang Brustwirbelsäule/Lendenwirbelsäule treten Bandscheibenvorfälle am häufigsten auf, weil hier die größte Beanspruchung stattfindet. Am Anfang sieht man Bewegungsunlust und einen “Katzenbuckel”, später schwankenden Gang und Lähmung.

Was kann man dagegen tun? Vor der Beantwortung dieser Frage sollten wir uns noch einmal kurz in Erinnerung rufen, was an einer erkrankten Bandscheibe abläuft: Der harte Kern wird in den Bindegewebsring in Richtung Rückenmark gedrückt. Dabei reißt das Band zwischen Rückenmark und Kern ein. Wie bei jeder anderen Verletzung im Körper entstehen auch hier eine Blutung und Schwellung. Die Schwellung verstärkt den Druck auf das Rückenmark.

Jede Behandlung mit Injektionen bzw. Medikamenten hat zum Ziel, diese Schwellung möglichst gering zu halten und die Schmerzen zu mindern bzw. zu beseitigen. Spricht die Behandlung an, fühlt sich der Patient rasch wieder wohl. Allerdings birgt diese Besserung eine gewisse Gefahr. Nur zu leicht kann durch eine unachtsame Bewegung das geschädigte Band ganz abreißen und die Bandscheibe vollständig in den Rückenmarkskanal vorfallen.

Will man das Übel an der Wurzel packen und die Ursache ein für allemal beseitigen, so bleibt nur der chirurgische Eingriff. Dabei werden die Bandscheiben von unten her geöffnet und der veränderte Kern herausgelöffelt. Nach der Operation ist keine Ruhigstellung nötig, da jede Bewegung Bandscheibenreste durch die unten angelegte Öffnung nach außen massiert. Während der Heilung füllt sich der Defekt mit Bindegewebe.

Ist die Bandscheibe vollständig aus ihrer Halterung heraus in den Rückenmarkskanal gerutscht, so müssen zu ihrer Beseitigung die Wirbelknochen teilweise aufgefräst werden. Nur so kann das Rückenmark rasch vom Druck befreit werden. Aber auch diese Operation bringt nur dann Erfolg, wenn sie durchgeführt wird, bevor das Nervensystem vollständig abgestorben ist.

Eine tote Nervenzelle ist leider durch nichts mehr zum Leben zu erwecken oder zu ersetzen. Sorgfältige Prüfung der Sensibilität ist deshalb notwendig, um Aussagen über den Erfolg eines chirurgischen Eingriffs treffen zu können. Dazu wird der Hund kräftig in die Zehen gezwickt. Wird der Schmerzreiz bis an das Gehirn weitergeleitet, zeigt der Hund eine Abwehrreaktion – er jault oder beißt. Wir wissen dann, daß die Nervenbahnen wenigstens teilweise noch intakt sind.

Ist der Bandscheibenvorfall so explosionsartig abgelaufen, daß das Rückenmark zerrissen ist oder bestand die Lähmung schon so lange, daß die Nervenbahnen vollständig abgedrückt werden, dann ist jeder weitere Behandlungsversuch nur vergebliche Liebesmühe.

Diagnose: Um genau zu wissen, an welcher Stelle der Bandscheibenvorfall stattgefunden hat, muß eine spezielle Röntgenuntersuchung durchgeführt werden, bei der Kontrastmittel in den Rückenmarkskanal gespritzt wird. Das Kontrastmittel läuft im Rückenmarkskanal bis zur gequetschten Stelle, an der dann die Operation vorgenommen werden muß. Liegen weitere verkalkte Bandscheiben in der Nachbarschaft, so empfiehlt es sich, diese ebenfalls zu entfernen, um einer Erkrankung dort vorzubeugen.

Viele Hunde sind bereits sofort nach der Operation schmerzfrei; bei manchen kann es auch bis zu acht Tage dauern. Gelähmte Hunde können nach 8 – 14 Tagen meist wieder stehen und nach vier bis acht Wochen in der Regel beschwerdefrei laufen.
Aufgrund dieser Erkenntnisse können folgende Empfehlungen für die Behandlung gegeben werden:

Injektionsbehandlung bzw. Behandlung mit Medikamenten und Ruhigstellung soweit wie möglich für etwa sechs Wochen: beim ersten Auftreten von Schmerzen sowie bei sehr alten Patienten.

Operative Behandlung, wenn Injektionsbehandlung keine Besserung bringt; wenn Schmerzhaftigkeit bereits mehrmals aufgetreten ist und wenn eine Lähmung mit noch vorhandener Sensibilität vorliegt.

Mit Hilfe moderner Kontrastmittel sind genaue Röntgenuntersuchungen des Rückenmarks nahezu gefahrlos möglich. Außerdem senken neue Narkosegase das Operationsrisiko auf fast Null. Somit sind sowohl in der Humanmedizin als auch Tiermedizin Wirbelsäulenoperationen zum Routineeingriff geworden.

 
Bekämpfung
Teckellähme ist eine für den Dachshund bedeutende Erkrankung. Sie wird durch einen Bandscheibenvorfall ausgelöst. Dabei können die unterschiedlichsten Beschwerden auftreten: Von den leichteren Fällen mit Schmerzen an der Wirbelsäule und Verweigerung von Sprüngen, über unsicheren Gang, zum Teil mit Ataxie, bis zur vollständigen Lähmung.

Fast immer findet man dann an der Wirbelsäule einzelne oder mehrere verkalkte Bandscheiben, die nicht mehr elastisch genug sind, um als Stoßdämpfer zu fungieren. Sie können durch die Belastung teilweise oder ganz in den Rückenmarkskanal gedrückt werden, das Rückenmark mehr oder weniger schädigen und die oben genannten Beschwerden teilweise oder ganz auslösen. Praktisch alle derartigen Erkrankungen beim jüngeren Hund (bis zum Alter von 7 Jahren) gehen von verkalkten Bandscheiben aus (Spieß 1993).

Die Bandscheibenverkalkung ist bereits im Alter von einem Jahr abgeschlossen. Bei den Untersuchungen von Havranek-Balzaretti (1980) sind im zunehmenden Alter keine neu betroffenen Stellen gefunden worden, so dass durch eine Röntgenuntersuchung bei Hunden, die mindestens 12 Monate alt sind, schon eine Veranlagung festgestellt werden kann.

Will man die Teckellähme bekämpfen, muss man Hunde ohne verkalkte Bandscheiben züchten.

Kreuzt man nun zwei befallene Hunde, so weisen 83,3 % der Nachkommen röntgenologisch sichtbare Verkalkungen auf. Paart man dagegen einen betroffenen Hund mit einem ohne sichtbaren Verkalkungen, so haben deutlich weniger Nachkommen verkalkte Bandscheiben.

Die Enchondrosis intervertebralis – so bezeichnet man die Erkrankung, bei der verkalkte Bandscheiben auftreten – stellt den erblichen Anteil der Teckellähme dar. Sie wird polygenal vererbt (Petri, Distl, Nolte, 2001), dies bedeutet, dass viele Defektgene für ihre Ausbildung notwendig sind. Die krankhaften Gene haben sich weit in der Dachshundpopulation verbreitet, so dass etwas mehr als 50 % der Hunde verkalkte Bandscheiben aufweisen. Durch den Ausschluss einzelner an Teckellähme erkrankter Tiere ist es sicherlich nicht möglich, sie wieder zu eliminieren.

Ein erster Schritt wäre, Hunde mit verkalkten Bandscheiben nur mit nicht betroffenen zu kreuzen.

Die Zuchtwertschätzung von Dr. Beuing könnte die Entwicklung dieser Erkrankung in der Population kontrollieren und den Fortschritt ihrer Bekämpfung optimieren.
Jedem sollte bewusst sein, dass man mit der Bekämpfung der Teckellähme am Beginn eines langen Weges steht. Erfolge werden sich sicherlich erst langfristig einstellen. Es ist aber wichtig, einen Anfang zu machen.